Venture-Investor Alexander Kopylkov erklärt, warum die 15-jährige Innovationsserie der Schweiz noch immer nicht in der globalen Kapitalallokation eingepreist ist.
Die Schweiz belegt im WIPO Global Innovation Index seit 15 Jahren in Folge den ersten Platz. Sie führt das IMD World Competitiveness Ranking an, steht im European Innovation Scoreboard der Europäischen Kommission zum achten Mal in Folge an der europäischen Spitze und gilt seit einem Jahrzehnt als weltweit führender Talentmarkt. Nach nahezu allen strukturellen Maßstäben ist sie die innovationsstärkste Volkswirtschaft der Welt.
Und dennoch: Wer die globalen Venture-Capital-Flüsse kartiert, findet die Schweiz kaum auf der Landkarte.
Diese Lücke – zwischen dem, was die Daten belegen, und dem, wohin das Kapital fließt – bezeichnet Alexander Kopylkov als eine der deutlichsten Fehlbewertungen im europäischen Venture-Capital-Markt der Gegenwart.
„Die meisten Investoren denken an die Schweiz wie an ein Sparkonto“, sagt Kopylkov. „Stabil, verlässlich, nicht besonders aufregend. Diese Sichtweise kostet sie echte Renditen.“
Die Zahlen hinter der Geschichte
Der Swiss Venture Capital Report 2026, veröffentlicht am 5. Februar, bestätigt: Schweizer Startups haben im Jahr 2025 2,95 Milliarden CHF eingesammelt – ein Anstieg von 23,9 % gegenüber dem Vorjahr. Allein die Frühphasenfinanzierungen erreichten mit 1,116 Milliarden CHF einen Rekordwert – ein Plus von 73 % gegenüber 2024. Im Januar 2026 schlossen Schweizer Unternehmen 33 Finanzierungsrunden im Gesamtwert von 402 Millionen CHF ab. Der Swiss Venture Capital Report erklärte die bisherige „Finanzierungskrise“ ausdrücklich für beendet.
Unter Verweis auf Daten des Swiss Deep Tech Report 2025 stellt Kopylkov fest, dass die Schweiz 60 % ihres gesamten Venture-Kapitals in Deep Tech investiert – einen höheren Anteil als jedes andere Land weltweit. Schweizer Deep-Tech-Unternehmen haben zusammen einen Unternehmenswert von mehr als 100 Milliarden US-Dollar geschaffen, wobei mehr als 85 % dieses Kapitals von internationalen Investoren stammt.
„Diese letzte Zahl ist entscheidend“, sagt er. „Diejenigen, die die Schweiz wirklich verstehen, sind größtenteils keine Schweizer. Es sind internationale Fonds, die ihre Hausaufgaben gemacht haben.“
Was die Rankings tatsächlich messen
Der WIPO Global Innovation Index bewertet rund 140 Volkswirtschaften anhand von 80 Indikatoren: F&E-Ausgaben, Patentanmeldungen, Hochschulqualität, VC-Aktivität, Hightech-Exporte und Talentmobilität. Die Schweiz führt all diese Kategorien in ihrer Gesamtheit seit 15 Jahren an.
Kopylkov bringt es auf die Grundprinzipien: Konstante Spitzenplatzierungen → dauerhafte strukturelle Vorteile → geringeres Frühphasenrisiko für Investoren, die diese Signale richtig interpretieren.
„Ein Land steht nicht zufällig 15 Jahre lang auf Platz eins der wichtigsten Innovationsindizes“, sagt er. „Diese Art von Beständigkeit spiegelt institutionelle Qualität wider – starker IP-Schutz, eine tiefe Forschungspipeline, politische Stabilität und ein Steuerumfeld, das Erfolg nicht bestraft. Das sind genau die Bedingungen, die Frühphaseninvestitionen weniger riskant machen.“
Die ETH Zürich, im QS-Ranking 2026 weltweit auf Platz 7 und führend in Kontinentaleuropa, sowie die EPFL belegen in Europa jeweils den ersten bzw. zweiten Platz bei der Wertschöpfung durch Robotik-Spinoffs. Schweizer Universitäts-Spinoffs sammelten allein im Jahr 2024 710 Millionen CHF ein. Im Jahr 2025 wurde das EPFL-Spinoff Nexthink in einem wegweisenden Deal mit Vista Equity Partners mit 3 Milliarden US-Dollar bewertet – die bedeutendste Schweizer Spinoff-Transaktion des Jahres. Araris Biotech, ein Spinoff des Paul Scherrer Instituts (Teil des ETH-Bereichs), wurde von Taiho Pharmaceutical für 400 Millionen US-Dollar bei Abschluss übernommen, mit möglichen Meilensteinzahlungen von bis zu 740 Millionen US-Dollar.
Gründern empfiehlt Kopylkov eine einfache Heuristik: Zuerst auf die Universität hinter dem Unternehmen schauen, dann auf das Pitch-Deck. In der Schweiz ist diese Universität fast immer eine der beiden besten Forschungsinstitutionen Kontinentaleuropas.
Das Problem der Unterfinanzierung
Das gesamte Venture-Volumen der Schweiz bleibt – trotz Wachstum – gemessen an ihrem BIP und ihren Innovationsrankings bescheiden. Das britische Venture-Capital-Volumen erreichte 2025 ein Vielfaches der Schweizer Zahlen. Frankreich und Deutschland investierten jeweils erheblich mehr Kapital in Tech-Unternehmen. Gemessen am Verhältnis von Innovationsleistung zu eingesetztem Kapital erhält die Schweiz weit weniger zurück, als sie strukturell rechtfertigen würde.
Nach Kopylkovs Einschätzung wird sich das in den nächsten 24 bis 36 Monaten korrigieren – nicht weil sich die Schweiz verändert, sondern weil eine ausreichende Zahl hochkarätiger Exits eine Neubewertung erzwingen wird.
Die Signale sind bereits sichtbar. Microsoft kündigte im Juni 2025 Investitionen in Höhe von 400 Millionen US-Dollar in Schweizer KI-Infrastruktur an. b2venture schloss seinen Fund V im Januar 2026 bei einem Hard Cap von 150 Millionen EUR – seinem größten Fonds in 25 Jahren. General Intuition, ein in Genf ansässiges KI-Start-Up, schloss eine Seed-Runde über 134 Millionen US-Dollar unter Führung von Khosla Ventures und General Catalyst ab – eine der weltweit größten KI-Seed-Runden des Jahres 2025. Sygnum Bank wurde im Januar 2025 zum neuesten Schweizer Unicorn, mit einer Bewertung von 1 Milliarde US-Dollar und einem verwalteten Vermögen von rund 5 Milliarden US-Dollar für Kunden in über 60 Ländern. Die Schweiz zählt nun 14 Unicorns.
Aus Investorensicht beurteilt Kopylkov die Investitionsreife eines Marktes nicht anhand seines aktuellen Kapitalvolumens, sondern anhand des Verhältnisses zwischen struktureller Leistung und aktueller Bewertung. Die Schweiz schneidet bei diesem Verhältnis ungewöhnlich gut ab.
„Die Frage ist nicht, ob die Schweiz mehr Kapital verdient“, sagt er. „Das tut sie eindeutig. Die Frage ist, wie lange die Arbitrage bestehen bleibt, bevor alle anderen sie erkennen.“
Über Alexander Kopylkov
Alexander Kopylkov ist Venture-Capital-Investor und Gründer mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der Unterstützung wachstumsstarker Unternehmen bei Skalierung und strategischer Finanzierung. Zu seinem Portfolio gehören Telegram, Anthropic, Canva, Replit und weitere wegweisende Technologieunternehmen. Sein Ansatz geht über reines Kapital hinaus: Er bietet strategische Beratung bei der Skalierung von Betriebsabläufen, der Optimierung von Geschäftsmodellen und der strategischen Steuerung von Finanzierungsprozessen.
